COMEDY ALS WISSENSCHAFT, LYRIK AUS INTUITION
- ambra53
- vor 17 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
MONA HARRY UND FELIX TREDER SIND DAUERGÄSTE AUF DEN GROSSEN HAMBURGER POETRY SLAM-BÜHNEN. SEIT EINER WEILE IST FELIX ABER VOR ALLEM ALS STANDUP-
COMEDIAN UND MODERATOR VON COMEDY-EVENTS ERFOLGREICH. IM GESPRÄCH MIT KOLJA FACH ERZÄHLEN BEIDE VON DEN DIFFERENZEN ZWISCHEN LYRIK UND COMEDY
UND WIE SIE DIE JEWEILIGEN KUNST-SZENEN ERLEBEN.

Kolja Ihr seid beide durch Poetry Slams zur Bühne gekommen, auch wenn du, Felix, inzwischen mehr Comedy machst. Erinnert ihr euch noch, was ihr ursprünglich für Texte geschrieben habt?
Mona Ich glaub, es war von Anfang an klar, dass ich Sprache mag und die lyrische Richtung spannend finde. Mein erster Text war ein Stadt-Beobachtungstext: Welche Menschen ich beim Spazieren sehe, wie die Stimmung ist... und das dann in Reimen und mit Rhythmus.
Felix Ich wollte direkt witzig sein, habe aber auch mit Lyrik angefangen – lustiger Lyrik halt. Seit ich mehr Standup-Comedy mache, habe ich wieder mehr Lust ernste Gedichte zu schreiben. Das ist ein guter Ausgleich.
Kolja Mona, was hat Lyrik für dich denn so reizvoll gemacht?
Mona Mich hat am Anfang fasziniert, wenn Wörter zusammen klanglich funktionieren. Nicht unbedingt Reime – einfach Sound. Wenn man Texte schreibt, die wegen des Klangs funktionieren, will man sie auch sprechen. Und das dankbare Hamburger Publikum, das zuhört – selbst, wenn du unsicher bist – ist Gold gewesen. Ich habe gemerkt, dass Texte auf der Bühne eine eigene Dimension bekommen – anders als beim Lesen. Das hat mich fasziniert: der Moment, der Klang, der Raum, die Leute. Diese Magie.
Und ich will betonen: Es ist nicht „hohe Lyrik“. Im Slam darf alles sein, ohne akademischen Anspruch. Das finde ich sehr befreiend.

Felix Aber was ist „echte Lyrik“?
Mona Ich würde sagen, es gibt Unterschiede zwischen akademischer Lyrik, Kunst–Lyrik und Poetry Slam – nicht immer, aber oft. Komplexität, Referenzen...
Felix Wer definiert bitte, was echte Lyrik ist?
Mona: Es ist eine Skala. Auf der einen Seite komplexe literarische Lyrik, auf der anderen eher performative, klare, zugängliche Texte. Beides hat seine Berechtigung. Ich erwarte nicht, dass ein Slamtext einen Lyrikpreis gewinnt – und das muss er auch nicht.
Felix: Ja, okay, gut, so sehe ich das auch.
Kolja: Irgendwie sind wir in einem Hochschulseminar gelandet jetzt...
Mona: Ja, vielleicht liegt mir das Thema so am Herzen, weil ich an einer Kunsthochschule war. Da geht es viel um Habitus, um Grenze zwischen „hoher Kunst“ und „angewandter Kunst“. Illustration gilt dort z. B. automatisch als „nicht so wertvoll“. Beim Schreiben ist es ähnlich: alles, was zugänglich ist, wird schnell unterschätzt. Ich hab damals weiter geslammt. Und es war nicht leicht. Die Reaktionen waren oft herablassend: „Das ist keine Kunst.“
Aber ich glaube inzwischen, dass Slam sehr wertvoll ist – vielleicht sogar wertvoller, gerade weil es Menschen verbindet, Brücken baut.
Kolja: Die Leute an deiner Uni klingen... anstrengend. Aber wie steht ihr denn dazu, dass so viele Comedy-Texte bei Slams performt werden? Unerfahreneres Publikum ist ja manchmal überrascht, dass sich nicht alles reimt.
Mona: Slam lebt von Mischung: laut & leise, lustig & lyrisch, still & wild. Das macht den Abend aus.
Ohne Comedy fehlt was – auch wenn ich selbst nicht besonders gut darin bin. Oder, Felix?
Felix Ich würde das auch gar nicht so strikt trennen. Lyrik muss nicht per se ernst sein. Alles geht! Und Lyrische Texte können auch sehr lustig sein, ohne Comedy zu sein. Deine Texte, Mona, sind sehr lyrisch, aber sie haben auch witzige Stellen – ohne Comedytext zu sein.
Mona Stimmt! Aber vor Standup selbst habe ich auch einfach super viel Respekt. Ich finde es irre spannend, wie wissenschaftlich da gearbeitet wird – das unterschätzt man komplett.
Felix Ja, es gibt ganze Bücher darüber. Welches Wort knackiger klingt als ein anderes, welche Pointe besser ankommt... das sind alles so Mikroentscheidungen. Und deswegen braucht es auch die Testauftritte bei den Open Mics, damit du denselben Witz drei oder vier Mal spielen kannst mit leicht anderen Betonungen und Pausen um dann die Ergebnisse zu vergleichen.
Mona Das ist für mich eine komplett andere Welt – und total faszinierend.

Kolja Ja, das ist krass: Bei Lyrik können sich einige sicher vorstellen, dass jemand stundenlang an Struktur und Reimen feilt, aber bei Standup wirkt alles super locker hinerzählt, dabei hat die Person monatelang nach einem besseren Wort mit „P“ am Ende gesucht, weil das wissenschaftlich gesehen witziger klingt.
Felix Ja, das ist ein ganz anderes Schreiben und Entwickeln als für Lyrik.
Mona Und ich finde auch spannend, wie unterschiedlich Publikum Dinge wahrnimmt. Leute fragen mich manchmal: „Hast du das vorbereitet, was du da gesagt hast?“ Und ich denke immer: „Ja klar – das war ein sechsminütiges Gedicht.“ Ich glaub, bei Comedy ist dieser Effekt noch stärker.
Kolja Felix, was unterscheidet die Szenen – Slam vs Comedy – wenn man die Leute und den Vibe im Backstage zum Beispiel anschaut?
Felix Beim Slam sind wir gewohnt, bewertet zu werden – das gehört dazu. Comedians hingegen sind es nicht gewohnt – deshalb wollen sie bei Comedy-Slams NIE bewertet werden. Alle haben Angst vor Punkten – aus Slam-Sicht sehr witzig. Und: In Comedy herrscht mehr Konkurrenz. Beim Slam ist der Wettbewerb Teil des Spiels. Alle wissen: Es ist subjektiv. Bei Comedy ist es eher: Wer ist der Lauteste im Backstage?
Mona Ich finde das so spannend. Für uns ist Bewertung so normal...
Felix Ganz genau. Beim Slam lernt man, mit subjektivem Feedback umzugehen. Sehr gute Schule!
Kolja Machst du deswegen beides? Und was denkst du: warum zieht Standup so viele Slammer an?
Felix Ich glaube, es hat mehrere Gründe. Erstens: Der Markt boomt. Mit Comedy kann man leichter Geld verdienen als mit Lyrik. Das war Ende der 2000er, Anfang 2010er noch anders. Aber ich glaube, es gibt auch einen sozialen Wandel. Viele Leute haben gerade das Bedürfnis nach Eskapismus. Weniger schwere Themen – mehr Abende, an denen man einfach lachen kann. Beim Slam war in den letzten Jahren viel Ernstes auf der Bühne.
Viele Menschen haben vielleicht nicht die Energie, sich das mehrfach im Monat anzuhören.
Dann gehen sie einmal zum Slam – und zweimal zu Comedy. Das ist schade, aber nachvollziehbar.
Mona Ich spüre das auch. Die Welt ist so überfordernd geworden, dass man oft eher einen lustigen Abend sucht. Bei kleineren Slams kann es schnell passieren, dass fünf schwere Themen hintereinander kommen – und dann wirkt es erschlagend. Das ist für niemanden ideal. Aber bei großen Slams gibt’s kuratierte Line-ups, die meist gut gemischt sind:
lustig, laut, leise, lyrisch, politisch, verspielt. Und vielleicht passt an dieser Stelle gut, was ich über die Slam-Szene noch sagen will: Ich liebe am Slam, dass er Brücken baut! Zwischen Kunst, Literatur, Comedy, Performance... Alles kann nebeneinander stehen.
Menschen aus verschiedenen Bereichen begegnen sich – und bringen neue Impulse rein.
Felix Ja! Und Slam hat so viel für die Szene getan – die Interaktion, die Community...Da passiert im Hintergrund so viel Gutes, was man nicht sieht.
Kolja Mona, warum sollte man sich auf Slam-Veranstaltungen einlassen?
Mona Weil es für mich – persönlich – der Ort war, an dem Sprache für mich lebendig wurde. Ohne Slam hätte ich nie angefangen zu schreiben. Und auch als Publikum hat man dort eine Vielfalt, die man sonst selten bekommt. Außerdem bekommt man bei Slam auch Comedy – aber bei Comedy bekommt man keine Lyrik. Ich finde Slam ist das vielfältigere Format. Und besonders in Hamburg sieht man, dass große Häuser regelmäßig voll werden – das ist faszinierend. Natürlich wünsche ich mir für alle Veranstalter*innen, dass Slam wieder mehr Publikum zieht. Aber ich finde den Status, den es hat, eigentlich gut.
Felix Ich sehe da aber auch ein Problem: Die großen Slams funktionieren gut – die bleiben bestehen. Aber neue kleine Bühnen? Die kriegen kaum Nachwuchs, kaum Publikum.
Viele steigen nach einem halben Jahr wieder aus, weil’s zu hart ist. Beim Slam braucht man die kleinen Bühnen. Dort passiert die eigentliche Arbeit: Neue Leute, neue Texte, neue Stimmen. Die Großen profitieren davon, aber die Kleinen sterben gerade aus. Und dann kommen Leute, die stark sind, und nach zwei, drei Auftritten spielen sie plötzlich fast nur noch in großen Häusern. Einerseits schön – aber für die kleinen Bühnen katastrophal.
Mona Ja, das stimmt alles, was du sagst. Ich hoffe aber auch, dass Comedy, so wie es grade wächst und sich kommerzialisiert, auch Inspiration aus der Slamszene mitnehmen kann.
Slam hat viele Menschen über Jahre geprägt – mich auch. Nicht nur künstlerisch, sondern in meiner Haltung: Wie man spricht, wie man Kritik annimmt, wie man Räume gestaltet.
Felix Total! Wir haben jetzt Awareness-Workshops in Hamburg, als Vorreiter für die Comedy-Szene. München will das auch machen. Das ist echt schön. Die Slamszene hat insbesondere, was den Aufbau einer menschlich guten und lebendigen Szene angeht auf jeden Fall für alle die absolute Pionierarbeit geleistet.
Kolja Vielen Dank Euch beiden für das Gespräch!
STECKBRIEFE FELIX & MONA

NAME Felix Treder | ALTER 27 | HEIMATSTADT Hamburg
LIEBLINGS-AUFTRITTS-LOCATION Birdland
SLAM IST FÜR MICH Lyrik und Wortkunst
COMEDY IST FÜR MICH Technik, Timing und Impro
VOR DEM AUFTRITT DENKE ICH Kann es jetzt endlich losgehen?
NACH DEM AUFTRITT DENKE ICH Wann endlich wieder Show?
NAME Mona Harry | ALTER 34 | HEIMATSTADT Hamburg (jetzt Kiel)

LIEBLINGS-AUFTRITTS-LOCATION Ernst-Deutsch-Theater
POETRY SLAM IST FÜR MICH/BEDEUTET MIR Einen Anlass
zum Schreiben und eine Bühne zum Spielen
COMEDY IST FÜR MICH/BEDEUTET MIR Ich war noch nie bei einer Veranstaltung, aber bin wild entschlossen bald mal eine zu besuchen
AUF DER BÜHNE KURZ VOR DEM AUFTRITT DENKE ICH hoffentlich nicht zu viel nach, sonst kommt die Aufregung
NACH DEM AUFTRITT DENKE ICH HOFFENTLICH hui schön

KOLJA FACH (*1998) steht nicht nur als Slammer
und Satiriker auf den Bühnen des Landes -
als Journalist bewegt er sich immer zwischen
Hochkultur, Underground, Politik und dem sozialen Leben.
So arbeitet er unter anderem neben seinen Auftritten als Redakteur.
Erschienen in Programmheft 03/2025
Zeichnungen: Timo Zett


















