DER ERSTE POETRY SLAM DER WELT
- vor 20 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Slambackgrounds von und mit Kolja Fach
Mitte der 1980er Jahre wurde in Chicago der Grundstein für moderne Bühnenliteratur gelegt, weil Marc Kelly Smith, damals Bauarbeiter, die bis dato üblichen Lesungen zu elitär und langweilig fand. Kolja Fach hat den Urvater des Poetry Slams zum Gespräch getroffen.
Fach Marc – bevor du selbst auf die Bühne gegangen bist, oder Bühnen geschaffen hast, warst du beruflich ganz anders unterwegs. War Poesie dabei immer ein Hobby?
Smith Ein Hobby würde ich es nicht nennen, weil ich immer schon als erfolgreicher Autor arbeiten wollte. Seit ich 19 Jahre alt war habe ich Gedichte geschrieben und sie an Magazine gesendet, da ist kaum was draus geworden. Das habe ich 16 Jahre so gemacht, bis ich auf der Bühne gelandet bin. Ich habe damals meinen Job hingeschmissen – ich war grade zum Chef befördert worden – und wollte mich dem Schreiben zuwenden. Also war ich auf Literaturveranstaltungen und habe mich gefragt, was passiert ist, dass die Formate der Kunstform so wenig gerecht werden. Poesie hat so viel mit Leidenschaft zu tun – die Veranstaltungen hatten nichts davon.
Fach Was hat gefehlt?
Smith Alles war sehr elitär und wenn du selbst noch nichts publiziert hattest, wurdest du abschätzig behandelt. Es war formell, langweilig und es wollte niemand hingehen. Ich habe mich gefragt was das alles soll. Und so war es wohl mein Schicksal irgendwann auf die Bühne zu gehen– obwohl ich eher schüchtern war – bei so einer langweiligen open Mic-Veranstaltung und ein Gedicht von mir vorzutragen. Eine Person hat geklatscht und das war der Startpunkt.
Fach Wie war dann der Weg von diesem ersten Impuls bis zum ersten Slam?
Smith Die Performance-Poetry-Bewegung hat im November 1984 angefangen in einem Laden, der Get me high Jazzclub hieß. Da habe ich mit Leuten angefangen live-Lesungen an jedem Montag zu machen. Wir haben einfach beim Machen gelernt, wie es geht. Der erste Abend war ein ziemlicher Erfolg. Der Laden war zwar superklein, aber wenn 80 Leute in deinem Wohnzimmer stünden, käme es dir ja auch rappelvoll vor. Manchmal war niemand da, aber es wurde schon immer mehr. Nach einer Zeit habe ich dann das Chicago Poetry Ensemble gegründet. Wir waren in verschiedenen Läden und haben immer mal Guerilla-Lesungen gemacht, bei denen wir unangemeldet in irgendein Lokal gegangen sind, und dann losgelegt haben und versucht haben mit dem Leben davon zu kommen (lacht). Bis Ende ´85 war die Show sehr erfolgreich. Und dann hatten wir ´86 einen fantastischen Abend in einem Nachtclub, dessen Besitzer den Green Mill Jazzclub kaufen wollte. Den habe ich dann gefragt, ob wir da eine regelmäßige Sonntagabend-Show veranstalten können. Und im Juli 1986 war es dann so weit und ich habe die Show „Uptown Poetry-Slam“ genannt.
Fach Und irgendwann wurde das ganze zum Wettbewerb?
Smith Erst war es nur Ensemble-Arbeit. Wir haben jede Woche geschrieben, um eine neue Show zu haben. Aber nach ein paar Wochen waren die Veranstaltungen nicht mehr lang genug und dann haben wir einen Wettbewerb versucht. Und der erste war crazy! Ich habe gemerkt, dass die Leute das geliebt haben, weil Wettbewerbe natürliche Dramen sind. Und das zieht Aufmerksamkeit! Früher hat das Publikum nie den Mund gehalten, wenn gelesen wurde und das hat der Wettbewerb abgestellt.
Fach Und die Leute haben es so gefeiert, dass sich das neue Genre erst in den USA und dann global ausgebreitet hat. Hast du heute noch einen Überblick international?
Smith Ja, ich bin zum Beispiel sehr verbunden mit Frankreich – die Veranstaltenden sind enge Freunde geworden und ich war jedes Jahr da, bevor Corona kam. Ich habe die ersten deutschsprachigen Meisterschaften gesehen, war im Baltikum unterwegs, habe Kontakte nach Brasilien… Es ist mehr als ein Mensch überblicken kann, weil es so gigantisch viel geworden ist. Aber ich mache mehr in Übersee als in den Staaten mittlerweile.
Fach Was wäre denn eine liebste Reisegeschichte?
Smith Ich war in Hamburg in dem Riesensaal [Elbphilharmonie] mit tausenden Leuten. Das ist eine meiner Lieblingsgeschichten, die erzähle ich überall: Wir sind auf der Party danach und ein Typ kommt zu mir und sagt: „Ich arbeite als Anwalt in Hamburg und ich will, dass sie wissen, dass sie mich grade zum Weinen gebracht haben.“ Dass sich so viel Intimität in so einem Saal durch Poesie transportiert, war unglaublich. Poetryslams müssen kein Rockkonzert werden und haben es nötig irgendwelche Effekte zu benutzen, oder sonst einen Bullshit.
Fach Was hoffst du denn, was das Vermächtnis der aller ersten Poetryslams bleibt?
Smith Oh, das gibt es schon. Das Prinzip, das wir aufgestellt haben, hält sich: Das Publikum steht im Fokus, die Kunstschaffenden bereiten das Erlebnis. Es geht immer mehr um die Performance als den Wettbewerb. Und in dem Rahmen schaffen ganz viele Orte ganz eigenen Formen von Poetryslam. Und dazu habe ich immer ermutigt. Es war immer dafür gedacht weitergegeben zu werden. Das ist passiert. Wir haben es geschafft!

KOLJA FACH (*1998) steht nicht nur als Slammer
und Satiriker auf den Bühnen des Landes -
als Journalist bewegt er sich immer zwischen
Hochkultur, Underground, Politik und dem sozialen Leben.
So arbeitet er als Redakteur für Bremen Next und Bremen Zwei sowie freiberuflich für verschiedenen Projekte.


















