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POETRY SLAM "VS." COMEDY:

EIN TEXT VON JOHANNES FLOEHR

Als Zuschauer:in eines Slam-Abends sollte man demnächst eventuell mal genauer hinsehen, wenn jemand etwas Lustiges erzählt: Neulich hat eine Slam-Poetin, die inzwischen eher auf Comedy-Bühnen zu sehen ist, ein leeres Textblatt mit auf die Bühne genommen und bloß so getan, als würde sie ihren Text ablesen. Denn Slam-Publikum ist zwar frei vorgetragene Lyrik gewohnt, doch eine lustige Geschichte hat man bitte abzulesen. Dabei ist es beim Slam ausdrücklich erlaubt, auch eine Standup-Nummer zu bringen; das sorgt aber, so auch meine eigene Erfahrung, eher dafür, dass einige denken: Das ist doch kein Slam! Schade. Denn Slam ist ja vor allem dann toll, wenn möglichst viele Formen und Themen mit dabei sind.

Unterschiede der Szene spiegeln sich auch im Backstage wieder: Bei Poetry Slams teilen sich dort alle das etwas schrullige Hobby „Schreiben" sowie die Gewissheit, dass der Wettbewerb bloß Spielerei und das Ensemble der Starist. Dass man herzzerreißende Poesie eigentlich nicht mit quatschiger Prosa vergleichen kann, wissen alle & nehmen dementsprechend Wertungen eher zur Kenntnis als ernst.

Bei Comedy-Open-Mics sind die Vergleichbarkeit sowie die Konkurrenz untereinander viel größer und wer gewinnt, entscheidet nicht das Live-Publikum, sondern später online der Algorithmus. 90% des Auftritts waren Käse? Egal, wenn der eine gelungene Gag später millionenfach auf TikTok ab-geliked wird.


Trotzdem trete ich sowohl auf Slam- als auch auf Comedy-Bühnen sehr gerne auf. Aus pragmatischen Gründen, weil sich dadurch Spielorte ergeben, die ich sonst nicht bespielen könnte. Und wenn den Leuten gefällt, was ich mache, ist es ja auch egal, wer vor oder nach mir auftritt oder was die Veranstaltenden auf die Plakate geschrieben haben. Den heißgeliebten Überraschungseffekt gibt es aber natürlich nur auf Slams: Da weiß das Publikum, wenn ich ans Mikrofon spaziere, nicht, was kommt. Kann ja auch sein, dass ich sechs Minuten lang das Traurigste erzähle, was jemals ein Mensch gesprochen hat.

Weil ausdrücklich alles erlaubt ist (es sei nochmal ausdrücklich erwähnt: ja sogar Standup). In der Comedy hingegen ist klar: Jetzt wird es witzig (gemeint sein).


Meine ersten Auftritte ohne Textblatt in der Hand waren arg ungewohnt: Hilfe, wohin mit den Händen? Auch wie man etwas erzählt ändert sich extrem: die geschliffenen, druckreifen Sätze würden auf einer Comedy-Bühne komisch wirken, aber auf die falsche, unfreiwillige Art. Statt eines Textes braucht man Stichwörter. Ich glaube, es war der sehr geschätzte Kollege Kawus Kalantar, der es mal folgendermaßen zusammengefasst hat: Poetry Slams sind wie Siezen, Comedy wie Duzen. Sprich, beim Slam ist direkt eine Distanz zwischen der Person am Mikrofon und dem Publikum, weil sich da jemand hingesetzt und einen Text geschrieben hat. Das machen ja "normale Menschen" nicht.

Die erzählen in Umgangssprache, wenn ihnen was Witziges einfällt, frei von der Leber weg, was DA denn wieder passiert ist. Wie in der Comedy.


Aber es ist ja glaube ich schon durchgeklungen: Man muss sich gar nicht entscheiden. Manche Leute siezt man, andere duzt man. Nur mit Textblatt zu einem Open Mic gehen, davon würde ich abraten.


Erschienen in Programmheft 03/2025

Fotocredit: Michelle Jekel

 
 

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