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TAGESSCHAU UND SCHULUNTERRICHT, POETRY SLAM UND SEINE STRAHLKRAFT

  • vor 13 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Slambackgrounds von und mit Kolja Fach


Selten war Poetry Slam ein so großes Thema in der medialen Bericherstattung, wie Anfang November 2025: Bei den deutschsprachigen Meister*innenschaften in Chemnitz gewinnt Ayşe Irem vor 1800 Menschen den Titel – die Chemnitzer Stadthalle ist auf den Beinen und spendet stading Ovations. „Als ich mein Gesicht im Tagesschau-Feed gesehen habe, wurde mir klar: Das ist größer, als wir dachten. Das war der Moment, der mich wirklich überrascht hat”, erzählt die frischgebackene Meisterin. Von der Tagesschau, über die TAZ bis zur Welt: Alle sprechen, schreiben und reportieren über die neue Meisterin, die mit ihrem Sieg mitten im Herzen des politisch polarisierten, deutschen Ostens, angetreten als Starterin eines muslimischen Slam-Netzwerks, mit einem Text über Alltagsrassismus in Deutschland das Publikum für sich gewinnt.

Das mediale Echo auf Irems Sieg zeigt mal wieder eindrucksvoll, wie sehr Poetry Slam in der Lage ist, gesellschaftliche Debatten zu veranschaulichen, zu repräsentieren und zu verbreiten. Der Impact der Literaturwettbewerbe – auf die Auftretenden, das Publikum und die Gesellschaft, in der sie leben ist leicht zu unterschätzen: „Ich habe unglaublich viel positives Feedback bekommen. Viele Menschen haben gesagt, dass sie sich endlich gehört fühlen und dankbar sind, dass ich Dinge ausgesprochen habe, die sie selbst nicht formulieren konnten. Das bedeutet mir sehr viel, weil genau das mein Ziel war, eine Stimme für diejenigen zu sein, die oft überhört werden“, erzählt Ayşe Irem knapp zwei Wochen nach Chemnitz im Interview.

Das letzte vergleichbare Medienecho auf die deutschsprachige Slam-Szene war wohl der 2014 viral gegangene „One Day Baby“-Text von Julia Engelmann gewesen. Binnen weniger Wochen wurde das YouTube-Video aus den Hörsaal der Uni Bielefeld millionenfach geklickt und löste eine Welle von Debatten über Zukunftsängste und Optimierungsdruck, die – vor allem auch mit Engelmann selbst als Gästin – bis hin in TV-Talkrunden besprochen wurden. Der rhythmische Schreibstil Engelmanns wurde für weniger Eingeweihte gar zum Archetypen eines Poetry Slam-Texts überhaupt.


Auch abseits der viralen Momente weiß Poetry Slam den gesellschaftlichen Diskurs zu prägen – insbesondere um thematische Zugänge zu ermöglichen. Sei es durch Themen-Events, wie Klimaslams, Slams gegen Rechts oder Slams, die sich explizit der Repräsentation queeren Lebens verschrieben haben, oder auch durch den moderneren Ansatz an kreatives lyrisch- und prosaisches Schreiben, den Poetry Slam in Schulen gebracht hat: Neben Poetry Slam-Workshops, die von Slampoet*innenselbst gegeben werden, finden sich bekannte Slam-Texte inzwischen auch in Schulbüchern, Unterrichtsmaterialien oder als Vorbilder für Schreibübungen. Antirassismus-Trainings, Kampagnen gegen Mobbing und Aufklärungsinititativen zu (queer)feministischen Themen finden in Poetry Slam-Texten eine Möglichkeit, die Themen auf emotionaler und kreativer Ebene zugänglich zu machen.


Das Format wirkt – es wirkt jeden Abend in irgendeiner kleinen bis großen Spielstätte, jede Schulwoche irgendwo im Unterricht, egal ob als besprochenes Genre, oder als Vermittler großer gesellschaftlicher Themen.


Immer wieder zeigt sich: Poetry Slam ist mehr als ein Wettbewerb. Poetry Slam ist ein Resonanzraum, ein Katalysator für Debattenprozesse; eine Bühne, auf der gesellschaftliche Fragen verdichtet werden, bevor sie ihren Weg in Feeds, Zeitungen und Klassenzimmer finden.

Ayşe Irem resumiert im Interview: „Poetry Slam kann Themen sichtbar machen, über die sonst ungern gesprochen wird. Wenn man wichtige Inhalte in eine Performance packt, berührt das Menschen direkter. So können neue Perspektiven entstehen, Diskussionen angestoßen werden und gesellschaftliche Denkanstöße entstehen.”


DENN: „KUNST BERÜHRT UND WAS BERÜHRT, BLEIBT.”




KOLJA FACH (*1998) steht nicht nur als Slammer

und Satiriker auf den Bühnen des Landes -

als Journalist bewegt er sich immer zwischen

Hochkultur, Underground, Politik und dem sozialen Leben.

So arbeitet er als Redakteur für Bremen Next und Bremen Zwei sowie freiberuflich für verschiedenen Projekte.



Erschienen in Programmheft 03/2025

 
 

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