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Wie Poetry Slam zum Beruf wird, oder: „Kann man davon Leben?“

Eine Interview-Kolumne über Werdegänge, anstrengende Fragen und Menschen mit mindestens fünf Jobs


Wahrscheinlich jeder Mensch, der mehr oder weniger öffentlichkeitswirksam kunstschaffend ist, kennt solche Fragen und ist mehr oder weniger müde sie zu hören. Denn bei allem mitschwingenden Interesse und aller Neugierde an Lebensentwürfen in denen Berufe vorkommen, die nicht ortsfest oder 9 to 5 sind: Fragen wie „Und davon kann man leben?“ oder „Und was arbeiten Sie tagsüber?“ oder noch schlimmer „Was ist denn Ihr richtiger Beruf?“, schmälern implizit nicht nur die Bühnenarbeit und das, was sie in uns als Betrachtenden auslöst (wie sehr das fehlen kann mussten wir alle während der letzten Pandemie spüren) – nein, solche Fragen diskreditieren auf eine Weise vor allem auch die unsichtbare Arbeit, die Künstler*innen leisten. Eben genau das, was man nicht sieht, wenn man einen Abend lang von einer Bühne herunter unterhalten wird. Trotzdem wissen wir natürlich alle, wie die Frage gemeint ist – keine Sorge. Ich möchte dennoch versuchen im exemplarischen Gespräch mit bekannten Gesichtern aus Kampf-der-Künste-Lineups ein für alle Mal ein paar Fragen zu klären, denn so viel sei vorweg verraten: Ja, man kann davon leben!

 

Die Anfänge

Zunächst müssen wir glaube ich festhalten, dass so gut wie niemand angefangen hat an Poetry Slams teilzunehmen, um daraus eine Karriere zu bauen – die Erkenntnis, was aus den Möglichkeiten Teil einer international vernetzten Szene an Kreativen wachsen könnte, kommt beim Ausprobieren und Teilhaben. So erzählt mir Leticia Wahl, Slampoetin, Kabarettistin, Autorin und Moderatorin (man beachte die Vielzahl an Berufsprofilen, die wird später noch wichtig!) über ihre Berufsfindung: „Ich habe Poetry Slam eher als Ausgleich neben meinem Studium gesehen. Ich wollte eigentlich Kinder- und Jugendtherapeutin werden. Genau in der Sekunde als ich nach meinem Studium nochmal laut darüber nachgedacht habe, ob jetzt wirklich der Moment dafür sei, sehr viel Geld, Kraft und Zeit in eine therapeutische Ausbildung zu stecken oder ich nicht doch lieber zu Bier und Snacks im Backstage greife, hat mich Kampf der Künste angerufen… und was soll ich sagen. Here we go. Ich glaube ich bin da eher komplett naiv reingerutscht.“

Ähnlich wie Leticia beschreibt mir auch Teresa Reichl, inzwischen Autorin mehrerer Bücher, Content Creatorin und als Kabarettistin frisch mit dem Senkrechtstarter-Preis des Bayerischen Kabarettpreises ausgezeichnet, ihren Werdegang. Denn zunächst war eine künstlerische Karriere auch von ihr selbst überhaupt nicht geplant. „Als ich angefangen habe mit Poetry Slam dachte ich, dass das was wäre, was es nur bei uns in Regensburg gibt. Dass man da Geld verdienen kann oder so, war mir überhaupt nicht klar. Es gibt ganz viele Interviews von mir aus der Zeit um 2016 in denen ich sage, dass ich auf gar keinen Fall von einem künstlerischen Beruf abhängig sein möchte und auf jeden Fall Lehrerin werde. Es stellte sich raus: Ich war einfach nur feige.“ Im Dezember 2019, nach vielen Gesprächen mit Menschen, die sie dazu ermutigen Vollzeit von der Kunst zu leben und einer (Zitat) „wahnsinnigen Lebenskrise“ entschließt sich Teresa nach ihrem Staatsexamen direkt in die Selbstständigkeit zu gehen. Die Aussicht auf ein Referendariat als Lehrerin als Sicherheit im Rücken.

Weniger zufällig läuft es bei Johannes Floehr. Der Autor und Comedian erzählt mir: „Ich habe schon zu Schulzeiten damit angefangen, bei Slams aufzutreten. Dass ich nach dem Abitur eine Ausbildung und später ein Studium anfing, habe ich nur der Familie zuliebe (und sehr halbherzig) getan. Der Wunsch, vom Schreiben bzw. Auftreten leben zu können war immer da, auch am Anfang, als er noch sehr unrealistisch schien. Letztlich hat es geklappt, was neben Glück wohl auch meiner Sturheit geschuldet ist: Ich kann und ich will nichts Anderes machen als Schreiben und Auftreten. Den einen Moment gab es bei mir nicht. Es ging die meiste Zeit einfach immer Schritt für Schritt weiter, bis ich gemerkt habe: Oh, das ist jetzt mein Beruf, sieben Tage die Woche.“

 

Mehr als DER EINE Job

Genauso wie auffällt, dass viele Leute, die ihren Beruf aus dem Slammer*innen-Dasein entwickelt haben das sehr ungeplant und kleinschrittig getan haben, so ist vielleicht schon aufgefallen, dass bei allen Menschen, mit denen ich für diesen Text gesprochen habe, das berufliche Label nicht ausschließlich Slampoet*in ist. Denn: Ein Groß des künstlerischen Berufs bildet sich bei vielen Menschen, die ihre Bühnenkarriere in der Slam-Szene begonnen haben, aus Jobs, die sich aus der aktiven Teilhabe an der Slam-Szene ergeben haben. Und die reichen weit über die bloße Teilnahme hinaus. „Von Auftritten bei Poetry Slams kann man nur leben, wenn man sehr geringe Ansprüche, keine Mietkosten oder Bock auf zwanzig Auftritte im Monat hat. Geld verdient man dann daraus, was sich aus Slam ergeben kann: Auftragstexte, Firmenauftritte, Schreibjobs, oder wie in meinem Fall eine Soloshow. Poetry Slam ist die perfekte Spielwiese, um sich auszuprobieren“, bringt Johannes es auf den Punkt. Bei Teresa hat es sich ähnlich entwickelt: „Ich lebe meistens nicht mehr von Poetry Slams sondern von Kabarett – das ist aber aus den Slam-Auftritten entstanden, die Internet-Sachen eigentlich auch und inzwischen bin ich auch Autorin. Ich glaube, dass das der Weg von ganz vielen ist, dass man von den Poetry Slams aus Autor*in wird, oder zur Comedy oder dem Kabarett kommt. Ich habe beschlossen beides zu machen.“ Auch Leticia hat ein Buch veröffentlicht, das einer Kollegin aus den USA ins Deutsche übersetzt, gibt Workshops, schreibt Auftragstexte, hat ein abendfüllendes Soloprogramm, macht Musik und spricht Texte ein.

 

Was ihr seht und was ihr nicht seht

Wenn man versucht sich vorzustellen, wie diese Person, die man da grade auf einer Slam-Bühne sieht und die vielleicht erwähnt, dass das hier ihr Beruf ist, ihr Berufsleben zusammenhält, dann muss man genau das bedenken: Das, was ich hier sehe, ist die Teilmenge eines unglaublich individuellen, selbstgeschaffenen Berufsbildes. Häufig die öffentlichste Teilmenge. In der Regel stehen dahinter weitere Projekte, die akribische Vorbereitung genau dieser öffentlichen Momente und ein Verwaltungsapparat, den sich niemand ausgesucht hat, aber durch den alle freiberuflich arbeitenden Menschen durchmüssen. Agent*innen und Steuerberater*innen sind unsere Helden.

Teresa ergänzt meine Gedanken um einen Aspekt, den ich bis heute nie so bewusst gedacht habe, der für Betrachter*innen von außen aber enorm aufschlussreich ist: „Es ist ein absoluter Irrglaube zu denken, dass man in der Kunst den großen Durchbruch braucht und sonst am Arsch ist. Die meisten Kunstschaffenden sind einfach Mittelstandsmenschen. Es gibt nicht nur: Entweder du bist gescheitert, oder du bist Madonna. Das ist einfach ein ganz normaler Beruf, bei dem man normal viel Geld verdient – das ist gesellschaftlich aber noch nicht so angekommen.“  

 

Halten wir also fest

Im Lineup von Poetry Slam-Veranstaltungen trefft ihr in der Regel nie ausschließlich auf Menschen, die von der Kunst allein leben. Die Bühne ist offen für alle, der Grad der Professionalisierung schwankt von Person zu Person. Und das ist unglaublich gut und bereichernd so! Weder kann man daraus ableiten, dass Menschen, die einen Job außerhalb der Kunst haben es künstlerisch „einfach nicht geschafft haben“, noch dass Kunst für alle lediglich ein Hobby sei. Für viele ist Poetry Slam das Medium um (egal ob bewusst oder wie so oft durch Zufall) herauszufinden, wie weit die eigene Kunst einen trägt. Was man dann schließlich aus der Erkenntnis macht, ist völlig individuell.

Tatsächlich zu denken, dass das, was Künstler*innen auf der Bühne machen nicht zum Beruf taugt (was frech genug ist!), übersieht eben auch alles, was weniger öffentlich passiert: Die Auftragsarbeiten, Moderations- und Sprecher*innen-Jobs, die Verwaltung, das Sammeln von Ideen, das Erschaffen von Büchern, Musikalben, Theaterstücken und Performance-Konzepten, die teilweise jahrelang geschrieben und geprobt werden, bevor man sie einen Abend lang zu Gesicht bekommt und so weiter und so fort.

 

Wenn also das nächste Mal jemand sagt „Das hier ist mein Beruf“, dann steht fest: Ja, man kann davon leben. Und nein, es ist kein Vollzeitjob – meistens ist es deutlich mehr.

 

Herzlichst

Kolja Fach

 



KOLJA FACH (*1998) steht nicht nur als Slammer

und Satiriker auf den Bühnen des Landes -

als Journalist bewegt er sich immer zwischen

Hochkultur, Underground, Politik und dem sozialen Leben.

So arbeitet er unter anderem neben seinen Auftritten

als Redakteur für Bremen Next und Bremen Zwei.

 

Erschienen in Programmheft Winter 23/24

Copyright: Michelle Jekel


 

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